Ich habe lange Zeit überlegt, ob ich die folgenden Zeilen für mich (und andere) festhalten will. Vermutlich werde ich mir das Nachfolgende nie oder erst in einigen Jahren wieder durchlesen (können). Ich brauche jedoch diese Art der Befreiung, um in meiner Trauerverarbeitung voranschreiten zu können.
Am Morgen des heutigen Tages rief mich M gegen 03:00 Uhr zu sich ins Wohnzimmer. Wie auch am Tag zuvor erwachte ich bereits beim ersten Ruf meines Namens. Im Wohnzimmer angekommen, stellte ich erleichtert fest, dass M nur meine Hilfe beim Abstöpseln des Schlauchs für die Nahrungsaufnahme benötigte. Ich brachte M ins Bett, deckte ihn zu und legte mich auf meine Seite, um weiterzuschlafen.
Kurz darauf fiel M ein, dass er noch die Taschentuchbox benötigt. Ich stand auf, brachte ihm besagte Box ins Schlafzimmer und legte mich erneut auf meine Seite des Bettes.
Circa 03:53 Uhr erklangen Ms letzte Worte: „Katja, ich blute!“ Ich stand schnell auf und lief zu ihm, um mir das aus seiner Halswunde herauslaufende Blut anzusehen. Sechsundzwanzig (!) Stunden hatten wir keine Sickerblutung mehr. Die Blutmenge wirkte auf mich auf den ersten Blick okay. (Erst nach seinem Tod begriff ich, dass innerhalb dieser paar Minuten doch recht viel Blut aus der Wunde austrat.) Ich holte ein dunkles Handtuch, wie es die Ärztin des Palliativteams empfohlen hatte, und drückte es als eine Art Druckverband auf die blutende Stelle am Hals. Ms Atmung kam mir jedoch merkwürdig vor. Im Vergleich zu den zwei Sickerblutungen atmete er nun hektisch/panisch, zumindest sehr aufgeregt. Auch sah ich an seinem immer verklärender werdenden Blick, dass ihm vermutlich niemand mehr würde helfen können. In meiner eigenen Panik sagte ich zu ihm: „Scheiße, ich glaube du stirbst!“ (Ich ärgere mich, dass ich diesen Satz, auch wenn er der Wahrheit entsprach, nicht unterdrücken konnte.)
Nur wenige Sekunden später hörte ich ein Grummeln in Ms Magen-/Darmtrakt. Ich dachte zuerst, er hätte sein großes Geschäft im Bett verrichtet. Ich fasste an die Stelle und bemerkte schnell, dass hier alles voller Blut war. Somit muss auch aus einer anderen Körperöffnung Blut herausgelaufen sein. In diesem Moment wusste ich hundertprozentig, dass es vorbei war.
Mit einer Hand auf dem „Druckverband“ versuchte ich, Ms Telefon zu entsperren. Das dauerte mir viel zu lange. Als ich es nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte, rief ich um 03:56 Uhr den Notarzt. Ich missachtete alle Regeln, verzichtete auf die Beantwortung der WWW-Fragen und bombardierte den Mann am anderen Ende der Leitung mit meinen (panischen) Worten. Das Warten auf den Rettungswagen war unerträglich. (Dieser kam „erst“ nach einer Viertelstunde.) Ich streichelte M immer wieder mit meiner freien Hand über den Kopf und sagte ihm mantraartig immer wieder dieselben Worte: „Ich liebe dich! Ich werde dich immer lieben!“ Irgendwann glaubte ich, nur noch meinen Puls zu hören, denn ich spürte unter der Hand, die auf dem „Druckverband“ lag, kein pulsieren mehr. Ms abwesender Blick sprach Bände und seine zuvor panische Atmung war wieder „normal“, falls er überhaupt noch atmete.
Barfuß und im Schlafanzug flitzte ich beim ersten Blaulicht durch den Garten vor zum Tor, um die zwei Rettungssanitäter hereinzulassen. Ich sagte auch ihnen, dass sie zu spät seien. Als die beiden unsere Wohnung betraten, bekam ich erste Anweisungen: Hund aus dem Weg! Kind aus dem Bett! Da Prinz friedlich schlief, hob ich L in meine Arme und trug sie ins Wohnzimmer. Dort erwachte sie. Die beiden Rettungssanitäter bestätigten mir, dass M tot sei. Ich brachte Prinz und L viertel nach vier hoch zu unseren Vermietern, die ich wachklingeln und mit dieser furchtbar schrecklichen Nachricht als erste konfrontieren musste.
Der Notarzt kam wenige Minuten nach dem Eintreffen der Rettungssanitäter. Er stellte den Tod fest. In Ms Totenschein wurde festgehalten, dass er am 7. Juli 2020, 04:00 Uhr, verblutet ist.
Ich unterhielt mich mit einem der beiden Rettungssanitäter und später mit dem Notarzt. Dieser meinte, selbst wenn wir eine Patientenverfügung gehabt hätten, wäre es bereits zu spät gewesen. Selbst für diese schwere Erkrankung sei M nach Meinung des Notarztes zeitig gestorben. (Von der Diagnose bis zu seinem Tod sind „nur“ 13,5 Monate vergangen.)
Das diensthabende Bestattungsinstitut wurde von den Rettungssanitätern informiert, bevor diese gemeinsam mit dem Notarzt gingen. Ich krabbelte zu M ins Bett, setzte mich neben ihn und verabschiedete mich in aller Ruhe von ihm. Die Minuten bis zum Eintreffen des Bestattungsinstituts wartete ich oben bei unseren Vermietern. Ich erzählte L, dass ihr Papa gestorben ist. Sie weinte herzzerreißend, schrie und schlug mit den Armen um sich. (Sie schlug mir mehrfach ins Gesicht. Es war für mich heute okay.) Wir weinten alle zusammen, unterhielten uns und tranken Kaffee.
Das Bestattungsinstitut kümmerte sich nun um M. Wir durften weiterhin in der oberen Wohnung warten. M wurde gesäubert/gewaschen. Ihm wurden die von mir herausgelegten Kleidungsstücke angezogen. (Hätte M mir über die Schulter geschaut, hätte er den Kopf geschüttelt. Er hätte definitiv andere/schickere Kleidung gewählt. Ich legte einen Pullover raus, den ich ihm vor Jahren geschenkt hatte.) Als M im Wohnzimmer aufgebahrt war, durften wir uns ein letztes Mal von ihm verabschieden. Ich instruierte L, was sie nun zu sehen bekäme, und fragte, ob sie ihren Papa noch mal sehen wolle. Sie bejahte. Ich bat sie, mir sofort Bescheid zu sagen, wenn sie den Raum verlassen will. L und ich warfen einen kurzen Blick auf unseren lieben M, ehe L mit mir raus in den Flur gehen wollte. C und A standen noch eine Weile um den Sarg herum.
In ewiger Erinnerung
letztes Buch: „Kaltblütig“ von Truman Capote
letzter Film: Zwei glorreiche Halunken
zuletzt gekocht: DDR-Tomatensoße mit Jagdwurstwürfeln und Hochzeitsnudeln
letztes Game: The Last of us Part II für die PS4