Tagebuch – Unser Leben ohne M – Tag 0

Alltagsschnipsel

Was für ein merkwürdiger, unfassbar trauriger, ja eigentlich surrealer und schrecklicher Tag!

Die ersten paar Stunden nach der Abholung von Ms Leichnam durch das diensthabende Bestattungsinstitut vergingen im Schneckentempo. Als bei mir der Schock einsetzte und gleichzeitig der Adrenalinspiegel sank, kamen Übelkeit, ein stark gebrochenes Herz (das äußerte sich durch ein krampfartiges Ziehen im Brustbereich) und unendliche/unbeschreibliche Traurigkeit auf. Die vor vielen Tagen schon in meinen Augen spürbaren Tränen, die sich ihren Weg allerdings nicht nach draußen bahnen konnten/wollten, musste ich nun nicht mehr zurückhalten. Ich konnte wieder weinen.

Halb achte schaffte ich es endlich, erst meinen Bruder und kurz darauf Ms Schwester über Ms Tod zu informieren. Ich bat beide darum, es in den Familien zu verkünden. Über den Tag verteilt, verbreitete ich die traurige Nachricht an immer mehr Personen. Bis zum späten Abend erhielt ich zahlreiche Beileidsbekundungen. Ich war ob der vielen lieben Worte sehr gerührt. M hatte einen unglaublich großen Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. ❤ Ich bin ihm unendlich dankbar dafür, dass ich Teil dieser Kreise sein darf.

Um neun telefonierte ich mit einem potentiellen Investor, teilte ihm die neue Ausgangslage mit und weinte, als er mitteilte, eine Zusammenarbeit nicht für ausgeschlossen/unmöglich zu halten. Er versprach mir, sich heute die Finger wund zu telefonieren und sich morgen wieder bei mir zu melden.

Am Mittag kamen Ms Schwester, ihr Mann und ihr Baby zu Besuch, am Nachmittag meine Eltern, kurz darauf unser Freund N und schließlich meine Grundschul-/Orchesterfreundin J. J brachte sogar Sushi mit. Ich glaube, ich habe noch nie so wenig Sushi gegessen wie an diesem Abend.

Über den Tag verteilt trudelten drei Päckchen für M ein. Das war ein merkwürdiges Gefühl. Das erste Paket deute ich als Abschiedsgeschenk für L und mich: vier verschiedene Sorten Sirup. (Ich habe in den Supermärkten immer kein Sirup gefunden. L und ich aßen am Mittag Pfann-/Eierkuchen und probierten das Schokoladensirup aus.


Bereits morgens beschlossen L und ich, die Nacht nicht unten in unserer Wohnung zu verbringen, sondern im Gästezimmer unserer Vermieter C und A. L fielen am Abendbrotstisch gegen 19:00 Uhr allmählich die Augen zu, sodass ich sie nur noch ins Bett legen brauchte und sie sofort einschlief.

Das am Abend des 5. Juli 2020 von M zubereitete letzte Abendmahl für L aß ich heute trotz Fleischbeilage auf. Es wird das letzte Mal gewesen sein, dass ich Fleisch aß. (Zuletzt konsumierte ich 2018 an einem Tag des Jahres durch eine dumme Situation etwas Fleisch, davor … puh … 2013?!) Ich tat es für M. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, das Essen verkommen zu lassen und wegzuschmeißen.

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