Mein Weg durch die Trauer 

Trauerarbeit

Mithilfe der Coaching-Karten „Der Tod, ich und das Leben“ von Melike Bilbey, die zur Trauerbewältigung und (für mich ganz wichtig) auch für die Einzelarbeit genutzt werden können, möchte ich erste Schritte gehen, um vergangene Erlebnisse nebst dazugehöriger Verhaltensweisen und Reaktionen zu reflektieren und tiefsitzende Traumata zu verstehen und allmählich aufzulösen.

Unterteilt sind die Karten in die vier Kategorien Wahrnehmen, Erinnern, Stärken und Schöpfen. Auf jeder Karte steht eine Frage, die es zu beantworten gilt. Im Mai habe ich mich mit folgenden Fragen beschäftigt:

Wahrnehmen
Was fühlst du jetzt gerade?
Von Monat zu Monat stelle ich fest, dass das Gefühl der Ungerechtigkeit in mir immer weiter wächst. Es ist einfach nicht fair, das arbeitende Volk auszunehmen, während die oberen Zehntausend sich vor den von der Mittelschicht erwirtschafteten Gewinnen kaum retten und ihren Reichtum vermehren können. Es wird Zeit für einen finanziellen Ausgleich, Steuersenkungen und generell mehr Gerechtigkeit.
Seit kurzem wird ein weiteres Gefühl in mir immer stärker: Entschleunigung. Ich spüre jeden Tag ein bisschen mehr, dass ich urlaubsreif bin. Zum Glück dauert es nicht mehr allzu viele Wochen bis zu meinem Sommerurlaub.

Erinnern
Bei welcher Erinnerung musst du schmunzeln?
M hatte ein großes Faible für Oldtimer, allen voran amerikanische. Als Fan der Serie „Knight Rider“ erfüllte er sich im Laufe seines (kurzen) Lebens den Traum, erst einen roten, später einen schwarzen Pontiac Firebird und zwischendrin sogar einen weißen Pontiac Trans Am zu besitzen. Mit dem roten Firebird holte er mich am Anfang unserer Beziehung ab und an von der Arbeit ab. Als er einmal mit dem Auto an einer roten Ampel nicht richtig aufpasste, heulte der Motor ungewollt laut auf. Ein älterer Fußgänger, der an der mittlerweile grünen Fußgängerampel stand, brüllte ihn daraufhin lautstark an und fragte, ob er Potenzprobleme hätte. Noch Jahre später lachten wir über diese peinliche Situation. 
Als es in Erfurt noch keine Decathlon-Filiale gab, sind wir extra ins Paunsdorf Center nach Leipzig gefahren. Dort ließen wird innerhalb weniger Stunden mehrere Hundert Euro – damals traf es noch keinen Arm – und deckten uns von Kopf bis Fuß mit neuer Kleidung und sonstigem Schnickschnack ein. Kleinkind-L war damals auch mit dabei. Wir wirkten auf Außenstehende sicherlich so, als hätten wir kein einziges Kleidungsstück im Schrank.

Stärken
Wer tut dir gut?
Allen voran tut es mir gut, meine kleine L um mich zu haben. Denn durch sie habe ich eine Aufgabe, bin beschäftigt und abgelenkt und werde gebraucht. Dasselbe gilt für unsere drei superniedlichen Kaninchenmädels Elli, Waltraud und Gerda.
Auch meine Familie tut mir gut. Meine Eltern und mein Bruder hören mir zu und stehen mir sehr oft mit Rat und Tat zur Seite. Auch wenn es mir immer noch unangenehm ist, ihre Hilfe anzunehmen, lerne ich allmählich, diese zu akzeptieren und nichts Schlimmes daran zu finden. 
Meine engen Freund*innen möchte ich ebenso wenig missen wie meine Familie. 
Alles in allem umgebe ich mich immer seltener mit Menschen, die mir nicht guttun. In diesem Punkt bin ich bereits sehr weit gekommen. 

Schöpfen
Wem möchtest du mehr Zeit widmen?
Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen Zeit haben und Zeit nehmen. Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, dann nehme ich mir dafür die Zeit. Punkt.
Bereits im letzten Jahr habe ich vermehrt damit begonnen, mir Zeit für die wichtigen Menschen in meinem Leben zu nehmen.
Ich verbringe gern Zeit mit L und meiner Familie.
Vorrangig L zuliebe gebe ich mir die größte Mühe, den Kontakt zu meiner Schwiegerfamilie zu halten und diese so oft es geht zu besuchen. Ich bin dankbar, dass wir einmal jährlich gemeinsam ein paar Tage wegfahren, und hoffe, dass wir das auch in den kommenden Jahren so beibehalten werden.  
Die größte Herausforderung stellen Treffen mit meinen Freund*innen dar. Jede Person führt ihr eigenes Leben in anderen Städten und ist im Alltag stark eingebunden. Dennoch schaffe ich es, regelmäßig mit Dresden-J zu telefonieren. Seit letztem Jahr gelingt es Grundschul-J, Grundschul-B und mir, uns öfter als einmal im Jahr zu sehen. Mir ist es sehr wichtig, den Kontakt aufrechtzuerhalten.  

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