Mithilfe der Coaching-Karten „Der Tod, ich und das Leben“ von Melike Bilbey, die zur Trauerbewältigung und (für mich ganz wichtig) auch für die Einzelarbeit genutzt werden können, möchte ich erste Schritte gehen, um vergangene Erlebnisse nebst dazugehöriger Verhaltensweisen und Reaktionen zu reflektieren und tiefsitzende Traumata zu verstehen und allmählich aufzulösen.
Unterteilt sind die Karten in die vier Kategorien Wahrnehmen, Erinnern, Stärken und Schöpfen. Auf jeder Karte steht eine Frage, die es zu beantworten gilt. Im April habe ich mich mit folgenden Fragen beschäftigt:
Wahrnehmen
Wen brauchst du jetzt?
Ich brauche einen oder mehrere Menschen um mich herum, die zuversichtlich und optimistisch in die Zukunft blicken und mir überzeugend sagen können, dass sich im Laufe der nächsten Jahre die Gesellschaft in eine gute Richtung entwickeln wird.
Schon seit einigen Wochen meide ich Facebook und LinkedIn. Dadurch bin ich selbst wieder optimistischer gestimmt, da ich den Hass und die Missgunst, aber auch das vermeintlich schillernde Leben der Anderen nicht mehr mitbekomme.
Ich brauche dringend eine gute Regierung, der auch das Wohl der Familie außerhalb einer bestehenden Ehe am Herzen liegt.
Erinnern
Weswegen bist du wütend auf den geliebten Menschen?
Diese Frage mag ich überhaupt nicht, verstehe jedoch den Sinn dahinter, die Wut auf den geliebten Menschen herauszulassen und nicht im eigenen Körper gefangen zu halten. Dennoch ist es schöner, sich an die aufregenden Erlebnisse und leichten Momente zu erinnern.
Ich bin auf M wegen des Verlaufs meiner Elternzeit wütend. In den insgesamt zwei Jahren habe ich sämtliche meiner geringen Ersparnisse komplett aufgebraucht, denn meine Ausgaben, die ich auch für meine kleine Familie tätigte, waren nach wie vor dieselben. Das Elterngeld wurde auf fünfzehn Monate gestreckt. Um jeden weiteren Euro musste ich M anbetteln, der sich allerdings lieber einen dritten Oldtimer für mehrere Tausend Euro holte. Diese Abhängigkeit von einer Person ist absolut kein schönes Gefühl. Das möchte ich so auch nie wieder erleben müssen.
Ich bin auf M wütend, da ich nach seinem Tod feststellen musste, dass einige Tausend Euro in Ls ehemaligem Fonddepot fehlen. Diesen Fond hatten wir kurz nach Ls Geburt für sie ins Leben gerufen und monatlich das gesamte Kindergeld eingezahlt. Geld, das mir während der Elternzeit für Lebensmitteleinkäufe fehlte. Dennoch ist es mir nach wie vor wichtig, dass L mit Erreichen ihrer Volljährigkeit finanziell gut dasteht. Mein Bruder half mir vor fünf Jahren, das alte Depot zu schließen und für sie einen neuen einzurichten.
Ich bin auf M wütend, da er sich gern vor Verantwortungen drückte. Für ihn war es offenbar selbstverständlich, dass ich an den Abenden oder am Wochenende mit unserem Hund Prinzi, der trotz aller Bemühungen und Trainingsmethoden nicht alleine zu Hause bleiben konnte, und später mit L in der Wohnung verharre, während er sich mit Freund*innen oder Kolleg*innen traf. Wütend werde ich nach wie vor, wenn ich an all die Abende denke, an denen er ange- oder sogar betrunken nach Hause zurückkam, denn so konnte ich auch am Folgetag nicht mit seiner Unterstützung rechnen.
Ich bin auf M wütend für die Unordnung, die er täglich (!) innerhalb von wenigen (!) Minuten in unserer gemeinsamen Wohnung verursachte. Ich brauchte jedesmal eine Stunde, um die Grundordnung wieder herzustellen. Aus heutiger Sicht würde ich die Care-Arbeit ganz anders zwischen uns beiden aufteilen. Und so einiges andere auch.
Stärken
Welche Art von Bewegung tut dir gut?
Das ist von meiner jeweiligen Tagesform abhängig. Ich liebe Spaziergänge. Gelegentlich gehe ich auch gern Laufen, um meinen Kopf freizubekommen. Beim Fahrradfahren liebe ich das Gefühl von Freiheit. Mich packt währenddessen jedes Mal eine große Reiselust. Tanzen mag ich auch sehr gerne.
Schöpfen
Worauf willst du nicht mehr verzichten?
Ich will nicht mehr auf meine L verzichten.
Auch das Zusammenleben mit Tieren war und ist mir sehr wichtig. Ich werde sicherlich im Laufe meines weiteren Lebens immer Tiere um mich herum haben.
Verzichten will ich zudem nicht mehr auf Menschen in meinem Umfeld, dir zu mir passen, mich verstehen und mich so akzeptieren wie ich bin. Ich will mir selbst treu bleiben und habe beschlossen, mich niemals wieder für irgendjemanden derart zu verbiegen, dass von mir selbst nicht mehr viel übrig bleibt. Auch wenn Kompromisse zum Leben dazugehören, will ich diese nicht mehr permanent zu meinem Nachteil eingehen.
Auf gutes Essen will ich nicht mehr verzichten.
