Zu Weihnachten schenkten J und ich seinen Eltern zwei Karten für die diesjährigen Domstufenfestspiele. Das Theater Erfurt führte Verdis Oper „Nabucco“ auf. Wir nutzten diese Gelegenheit, um uns alle in Erfurt zu treffen.
Freitag, 5. August 2022
Js Eltern trudelten mittags halb zwölf mit dem Zug am Hauptbahnhof in Erfurt ein und waren kurze Zeit später bei uns im Büro in der Innenstadt, um sich dieses anzuschauen und ihre Taschen abzustellen. Js Mama war im Vorfeld super nervös wegen der Fahrt mit dem ICE, musste letztendlich aber zugeben, dass ihre Reise angenehm war und sie das Tempo um die zweihundert Stundenkilometer gar nicht merkte. (Das war ihre größte Angst.) Die beiden tranken am Domplatz einen Kaffee, während J und ich noch etwas arbeiteten.
Am Nachmittag machten wir vier uns gemeinsam auf den Weg in die Pension Hochheimer Schlösschen. Js, Ls und mein Zimmer lag im Erdgeschoss und hatte vier Betten, Js Eltern schliefen in der ersten Etage in einem Zweibettzimmer. Gemeinsam mit Js Mama holte ich wenig später meine L ab. Sie verbrachte die letzten Tage bei ihrer Oma. (Der Kindergarten hat jährlich drei Wochen Schließzeit und wir vereinbarten bereits im letzten Jahr, dass sie L ein paar Tage zu sich nimmt.) L und ihre Oma hatten Kaffee, Tee und Waffeln mit Puderzucker und Kirschen vorbereitet und so saßen wir zu viert in Ms Wohnung und unterhielten uns. J und sein Papa reservierten derweil in der Stadt einen Tisch für unser Frühstück am nächsten Tag und suchten ein Lokal für das Abendessen aus.



Kurz vor 18 Uhr kamen L, Js Mama und ich im Restaurant Platzhirsch am Wenigemarkt in Erfurt an und gesellten uns zu J und seinem Papa, die draußen an einem Tisch saßen. Es hatte sich mittlerweile so stark abgekühlt, dass ich unglaublich fror und feststellte, zu dünn angezogen zu sein. Zum Glück verteilte das Lokal Kuscheldecken. Nach dem leckeren Essen begleiteten wir Js Eltern zum Domplatz, wünschten ihnen einen schönen Abend in der Oper und liefen mit kurzer Pause zum Unterstellen aufgrund einer Regenhusche mit einer völlig aufgedrehten und müden L zum Auto zurück.

Gegen 21 Uhr waren wir wieder in der Pension. L wollte kurz abgeduscht werden. (Das grenzt an ein Wunder, denn sie mag Duschen so überhaupt gar nicht.) Wir verkrümelten uns in die Betten und schliefen kurz nach 22 Uhr ein.
Samstag, 6. August 2022
J, L und ich wachten gegen Viertel nach neun auf. Meinen Telegram-Mitteilungen zufolge kamen Js Eltern am Abend zuvor gut mit Bahn und Bus zur Pension zurück. (Alternativ hätte ich sie nach der Oper mit dem Auto vom Domplatz abgeholt, wenn sie angerufen hätten.)
Wir frühstückten im Cognito zwischen Wenigemarkt und Benediktsplatz. Es gab sehr viel Auswahl und ein reichhaltiges Angebot von veganem über vegetarisches bis hin zu fleischhaltigem Frühstück. Auch die Heißgetränke konnten Wahlweise mit Soja- oder Haferdrink bestellt werden.
Der sich an das Frühstück anschließende Stadtbummel war schön und anstrengend zugleich. Schön war er, weil ich bisher selbst kaum bis nie die kleinen Läden der Stadt betreten habe, um mich umzuschauen. Das habe ich sehr genossen. Anstrengend war er, weil L in jedem Laden etwas haben wollte und eingeschnappt war, wenn wir ihr dies verwehrten. L ist noch nicht alt genug für einen Wir-schauen-einfach-nur-Stadtbummel. Ich kann ihr Verhalten absolut nachvollziehen. Die Läden sind vollgestopft mit schönen Dingen und wir vier Erwachsene zerren sie von Laden zu Laden. Das arme Kind war schließlich so überfordert, dass sie sich aus einer Zu-verschenken-Box ein dickes PONS Englischwörterbuch mitgenommen hatte. Etwa fünfundvierzig Minuten später sah sie ein, dass das Quatsch war und brachte das Buch mit Js Papa wieder zurück.




Mittags halb zwei trafen wir uns mit meiner Mama am Domplatz. Gemeinsam schauten wir uns das Stück „Petterson und Findus und der Hahn im Korb“ bei den Domino-Domstufenfestspielen an. So lernte meine Mama Js Eltern kennen. Zur Überraschung aller tauchte auch Ls Oma M auf, saß aber einige Reihen vor uns. Sie war ein wenig verärgert, dass ihr niemand Bescheid gegeben hatte. (Meine Mama und sie können sich nicht leiden. Natürlich gebe ich da nicht Bescheid. Die Ursprungsidee war zudem, dass nur J, L, Js Eltern und ich das Stück gemeinsam anschauen.) Mit Beginn des Stücks kam plötzlich die Sonne heraus und verbrannte mir jede Minute mehr das Dekolleté. Die Aufführung selbst war sehr schön.



Nach dem Stück verabschiedeten sich meine Mama und Ls Oma M. Wir anderen kauften Snacks und etwas zu trinken, ehe wir uns den Mariendom anschauten. L und ich zündeten für M eine Kerze an. L war die ganze Zeit über sehr interessiert und beteuerte immer wieder, dass sie an Gott glaubt. Zum Glück wurde Js Papa streng katholisch erzogen und konnte ihr ein paar Fragen beantworten.




Wir fuhren in die Pension zurück und „ruhten“ uns aus. L war überdreht und ließ J und mich eine Dreiviertelstunde lang an ihrem Lachanfall teilhaben. Zum Glück war dieser vorbei, als wir uns auf den Weg zum Abendessen mit meinen Eltern machten. Js und meine Eltern verstanden sich auf Anhieb gut und erzählten sich gegenseitig viel. Es war ein sehr schöner Abend, auch wenn ich mich ein wenig am asiatischen Buffet überfressen hatte. Mir war so unglaublich schlecht. 🙂

Kurz vor 22 Uhr waren wir zurück in der Pension. L wollte wieder abgeduscht werden und schlief innerhalb weniger Minuten ein. J und ich auch.
Sonntag, 7. August 2022
Aufgewacht bin ich heute schon Viertel vor acht. Da wir bereits halb neun gemeinsam mit Js Eltern frühstücken wollten, lohnte es sich für mich nicht weiterzuschlafen. Beim Frühstück selbst stellte L fest, dass heißer Tee in der Tasse wirklich heiß ist. Sie kippte einen Großteil des Teewassers über ihren Bauch und den Oberschenkel. Wir kühlten sofort und stellten wenig später erleichtert fest, dass der Schrecken größer war als das tatsächliche Ausmaß der „Verletzung“.
Kurz vor zehn Uhr fuhren wir Js Eltern zum Hauptbahnhof, verabschiedeten uns und machten uns direkt auf den Weg in die alte Wohnung. Ich belud sämtliche Freiflächen im Auto mit Kartons und Kleinkram. Die Wohnung leert sich wirklich zusehends. Schon eine halbe Stunde später begaben wir uns auf den Rückweg nach Leipzig beziehungsweise Markkleeberg.
Die Nachmittagsstunden über räumte ich weitere Kisten aus und verteilte die sich darin befindlichen Dinge in der Wohnung. Nun muss ich nur noch einen kleinen Schrank einräumen, dann habe ich alles geschafft und kann mich der Ordnung im Keller widmen. (Ich habe meine Sachen zwar sortiert, aber Optimierungsbedarf besteht dennoch.) Ich konnte L am frühen Abend tatsächlich noch für einen kleinen Abendspaziergang gewinnen und fand so heraus, dass nur wenige Meter von uns entfernt Fahrradwege verlaufen, die uns in die Stadt, zum See und wer weiß wohin noch führen. Fehlen nur noch unsere Fahrräder.
Heute sollte die erste Nacht sein, in der L in der neuen Wohnung in ihrem Bett einschläft – natürlich mit Einschlafbegleitung. Weil ich lieber im Türrahmen und nicht wie sonst auf dem (unglaublich unbequemen) Kuscheltiersack sitzen wollte, gab es eine Dreiviertelstunde Tränen und Gejammer. Dann hatte sich L soweit beruhigt, dass ich ihr noch eine Geschichte vorlesen konnte. Und es dauerte danach nicht lange, bis sie schließlich schlief und ich in meinem Bett den Film zu Ende schauen konnte, den ich während des Jammern begonnen hatte.
