Tagebuch – Alltag in der Corona-Zeit – Tag 96

Alltagsschnipsel

Ms Nacht war furchtbar. Mittlerweile überrascht mich diese Mitteilung morgens schon gar nicht mehr. Er lag eine Stunde im Bett und verbrachte die restliche Zeit überwiegend schlafend auf der Toilette.

Nachdem sich gestern das Palliativteam bei M vorgestellt hatte und alles äußerst verlockend klang, bekam die Fassade heute erste Risse. Es begann damit, dass der Arzt dieser Station scheinbar genügend Zeit zu haben scheint, um M mehrmals täglich aufzusuchen. Auflauern trifft es womöglich sogar besser. M verglich das Vorgehen bereits mit dem von Sekten. (Wir haben mittlerweile genug Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, dass Ärzte normalerweise nicht darauf warten, mit dem Patienten zu sprechen. Oft haben wir stundenlang gewartet, um ein kurzes Gespräch mit einem Arzt führen zu können.)
Der Arzt der Palliativstation schoss den Vogel heute ab. Er machte alles mies, was seine Kollegen im Helios Klinikum in den letzten Tagen für M in die Wege geleitet haben. Er knallte M an den Kopf, dass aus seiner Therapie in Berlin sowieso nichts mehr wird, er diese „Zaubertherapie“ sowieso vergessen kann, er sehr krank ist und auch immer sehr krank bleiben wird, und es auch mit der Ernährung und den Medikamente, die M aktuell bekommt, nicht richtig funktioniert. Zum Schluss bat er M, auf die Palliativstation zu wechseln. (Auf diese Station gehen viele schwer kranke Menschen, um den Angehörigen nicht zu sehr zur Last zu fallen und um dort zu sterben.) 
Zum Glück ist M psychisch stabil genug, um diese krassen Worte des Arztes nicht an sich heranzulassen. Im Gespräch konnte M feststellen, dass sich dieser Arzt nicht mit seinem Krankheitsverlauf, den Therapiemöglichkeiten und dem aktuellen Grund seines Aufenthalts befasst hatte. Er wirkte absolut inkompetent.
Wer Langeweile hat, kann sich die Negativbewertungen über die Palliativstation des Helios Klinikums Erfurt bei Google durchlesen. Das spricht für sich.    

Ansonsten war der heutige Tag im Krankenhaus eher ruhig. Mittags wurde die PEG-Magensonde gewechselt. Bei der Gelegenheit wurde gleich eine Rektoskopie durchgeführt. Morgen Mittag findet das CT statt.

Der Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie 99 Prozent der Schwestern der Privatstation, auf der M liegt, sind wirklich unglaublich einfühlsam, zuvorkommend und lieb. Sie kümmern sich wirklich sehr intensiv um M. Morgen darf ich sogar L zur Besuchszeit mitbringen. Sollte ich beim Sicherheitsdienst Stress bekommen, würde der Arzt L und mich sogar persönlich (!) abholen und auf die Station bringen. Das gab es auch noch nie! 

Was heute schön war:

Mut.
Ich bin sehr stolz auf unsere L. Sie war zuletzt am 12. März im Kindergarten. Ich habe mich somit für den heutigen ersten Tag nach einem Vierteljahr Pause auf alles eingestellt. Sie schaute ihre Lieblingserzieherin zwar schüchtern an, ging jedoch ohne Tränen mit ihr in das Gebäude hinein. (Die Eltern müssen die Kinder an der Tür abgegeben und dürfen den Kindergarten nicht betreten.) 
Abgeholt wurde L heute Nachmittag von Ms Mama. Die beiden hatten sich am Wochenende ausgemacht, dass L auch bei ihr übernachtet. Somit hatte ich heute das erste Mal seit meiner Schwangerschaft sturmfreie Bude. (Wenn man davon absieht, dass Prinz bei mir war.)

Arbeitstag.
Heute war mein erster normaler Arbeitstag seit einem Vierteljahr. Ich nahm an zwei längeren Calls teil, schaffte zwar nicht das mir Vorgenommene, dafür aber unzählige kleinere Aufgaben und fühlte mich trotzdem nützlich und wichtig. Am schönsten war tatsächlich, dass ich viele Stunden am Stück ohne Störung arbeiten konnte. Ich freue mich darauf, in Zukunft wieder häufiger solche Arbeitstage zu haben.

Sushi.
Ich liebe Sushi. Heute Mittag bestellte ich eine große Menge (ungefähr für drei Personen) veganes und vegetarisches Sushi, und zwar ganz für mich allein. 😉 Trotz guten Appetits schaffte ich nicht alles und habe somit für morgen noch ein leckeres Mittagessen.

Krankenbesuch.
Am frühen Abend besuchte ich M im Krankenhaus. Obwohl er seit gut zwei Tagen nichts mehr über die Magensonde zu essen bekommen hat, sah er überraschend gut aus. Wir luden uns gemeinsam die Corona-Warn-App herunter (das ging super schnell), schauten uns ein paar Cottages in Österreich an (M überlegt, mit uns über Neujahr Urlaub zu machen), lästerten über diesen unverschämten Arzt der Palliativstation und arbeiteten weniger schöne Erinnerungen aus der Zeit des Aufenthalts auf der HNO-Station der Charité auf.

Telefonat mit J.
Unsere Telefonate werden von Woche zu Woche länger. Gestern quatschten wir fast zweieinhalb Stunden über verschiedenste Themen. Ich freue mich für sie, dass ihr das Schwedischlernen so viel Spaß macht.

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