Tagebuch – Alltag in der Corona-Zeit – Tag 95

Alltagsschnipsel

Gestern Abend musste ich mich arg zusammenreißen, um nicht zu lachen. Ich will ja auch in Zukunft, dass L sich ernst genommen fühlt und mir ihre Probleme/Gedanken erzählt. Gerade als das Biest in „Die Schöne und das Biest“ scheinbar tot war, kullerten bei ihr die Tränen. Verständlich, dachte ich, es geht sehr vielen Menschen so. L hingegen weinte jedoch nicht deswegen, sondern weil „der Prinz so hässliche Haare hat.“ Einfach nur süß. ❤

War die Nacht von Samstag auf Sonntag schon schlimm für M, war die vergangene die Hölle für ihn. Er musste zweimal pro Stunde aufstehen (bisher war es „nur“ einmal) und verbrachte viel Zeit auf der Toilette. Teilweise schlief er sogar dort. Ich wünsche ihm/uns so sehr, dass die Fachärzte helfen und die Durchfälle zunächst eindämmen und schließlich stoppen können. Der arme arme M! (L, Prinzi und ich schliefen hingegen die zweite Nacht ohne Störungen durch.)

Ich habe eine Blutgruppe, die nahezu jeder hat. Das war bisher meine Ausrede, weshalb ich niemals Blut spenden war (und weil ich etwas Angst davor habe). Seit ein paar Tagen lese und höre ich jedoch immer öfter, dass die Blutkonserven zur Neige gehen. Vielleicht ist es langsam doch an der Zeit, über seinen Schatten zu springen und anderen Menschen zu helfen.

Mich gruselt es, von den zahlreichen vollgelaufenen Kellern und den Unwettern zu lesen. Mit Blick in die Wetter-App bleibt es regnerisch. Auch Gewitter werden hin und wieder vorausgesagt. Hatten wir jahrelang zu wenig bis gar keinen Regen, fällt jetzt in kürzester Zeit viel zu viel. Ich hoffe, wir erleben dieses Jahr kein zweites 2013 …

Was heute schön war:

Regenspaziergang.
Mittags waren wir endlich soweit, für einen kurzen Spaziergang zum Briefkasten das Haus zu verlassen. Ich brachte gerade Ls Zahnbürste zurück ins Bad, schaute aus dem Fenster und sah … Regen! Natürlich. Auch wenn es ziemlich stark regnete, war es mir egal. Wir zogen Regensachen an und machten uns gemeinsam mit Prinzi auf den kurzen Weg. Im Park entdeckten wir an einer versteckten Stelle ein paar reife Erdbeeren. Die waren sehr lecker. 🙂

Badewannenzeit.
Bevor L morgen nach über einem Vierteljahr Pause wieder den Kindergarten besucht, musste heute noch die ein oder andere Vorbereitung getroffen werden. Dazu gehörte auch die Körperhygiene. Nachmittags ließ ich uns Badewasser mit gaaaanz viel Schaum ein. L wusch sich sogar freiwillig ihre Haare.

Spaziergang mit Prinzi.
Schon gestern fiel mir auf, dass Prinz ungewöhnlich viel schläft. Auch heute regte er sich über mehrere Stunden kaum vom Fleck. (Ich schaute hin und wieder nach, ob er überhaupt noch atmete.) Ich begann, mir wirklich große Sorgen um ihn zu machen. Auch auf den Regenspaziergang am Mittag hatte er keine Lust und trottete gemächlich hinter L und mir hinterher. 
Nachdem mein für den frühen Abend geplanter Krankenbesuch bei M ins Wasser fiel, zwang ich ihn erneut zu seinem Glück. Ich brauchte dringend frische Luft, um durchatmen zu können und auf andere Gedanken zu kommen. Und siehe da! Wir liefen eine recht große Runde – ungefähr in einem Tempo von 1 km/h. Zu Hause rannte er sogar noch herum und bellte munter vor sich hin. Offensichtlich waren meine Sorgen unbegründet!

Und der Wahnsinn kommt zum Schluss …

Was. Für. Ein. Tag.
Ich habe immer noch Herzklopfen und leichte Übelkeit. Meine stundenlange Anspannung und die Angst um M lassen aber allmählich nach. Dabei begann Ms Tag im Krankenhaus abgesehen von der furchtbaren Nacht sehr gut. Es schauten heute unter anderem Ärzte der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Thoraxchirurgie bei ihm vorbei. Ebenso wurde er von Internisten, einer Ernährungsberaterin, dem Palliativteam und dem Patientenmanagement aufgesucht. Reicht doch für einen Tag, möchte man meinen, doch dem war leider nicht so.

Morgens gegen acht Uhr war die Chefarzt-Visite. M erhielt die Info, dass heute ein Ganzkörper-CT gemacht werden soll. Wenig später wurde das CT für 15:00 Uhr anberaumt. M steht dem Ergebnis generell offen gegenüber. Er ist auf alles vorbereitet und kann mit jedem Ergebnis umgehen (ich im Übrigen nicht). Das CT soll zeigen, ob die Zyklen der Immunchemotherapie bisher Erfolge zeigen und/oder ob es weitere Metastasen im Körper gibt.

Kurz nach dem Arztbesuch der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie klopfte auch schon das Palliativteam an Ms Zimmertür. Sie teilten ihm mit, dass sie im Helios eine eigene Station mit Einzelzimmern haben. M kann nun immer, wenn es ihm zu Hause nicht gutgeht, auf diese Station kommen. Ab sofort können wir uns also den Weg über die Notaufnahme sparen. Auf dieser Station ist auch jederzeit ein Arzt erreich- und sprechbar.

Morgen Vormittag wird Ms PEG-Magensonde getauscht/erneuert. Das ist schon längst fällig gewesen, jedoch hat es sich bisher nicht ergeben, diesen kleinen Eingriff vornehmen zu lassen.

Um die Mittagszeit schaute eine Ernährungsberaterin bei M vorbei. Er bekommt ab sofort Flohsamenschalen und etwas für den Aufbau des Darms. Schon seit längerer Zeit verträgt M die Fresubin-Nahrung nicht. Umso glücklicher sind wir, dass er nun eine neue Nahrung erhält. Die Beraterin geht davon aus, dass M pro Monat ein oder zwei Kilogramm zunehmen kann, wenn er täglich drei dieser Nahrungsbeutel schafft. Über den Port wird die Nahrungsaufnahme nicht mehr laufen.

Halb zwei wurde deshalb die Nadel des Ports gezogen. Die Haut darüber war schon länger gerötet. Seit gestern klagte M auch über Schmerzen im Port, weshalb er nachts nicht mehr auf dieser Seite liegen konnte. Auch seine Wunde am Hals wurde über die am Samstag gelegte Lasche gespült und von außen gereinigt. Morgen oder übermorgen wird auch eine Darmuntersuchung erfolgen.

Nur wenige Minuten nach 14:00 Uhr erschien ein Arzt im Krankenzimmer und teilte M mit, dass der Port umgehend entfernt werden müsse, da dieser sich mit einem Keim infiziert hat. Diese OP ist nicht ohne und stellt ein erhöhtes Risiko dar, weil die Ärzte rund um die Herzvene arbeiten müssen. Nach dem CT sollte die OP stattfinden. Ich wollte mich kurz nach vier Uhr auf den Weg zu M ins Krankenhaus machen, damit ich ihn vor der riskanten OP noch mal sehen kann. Leider wurde daraus aber nichts. Das CT wurde kurzerhand verschoben und M musste direkt in den OP.

Halb sieben am Abend meldete sich M bei mir. Aus Sicherheitsgründen bekam er keine Narkose. Die entsprechende Stelle wurde lediglich lokal betäubt. Der Port war schnell entfernt, jedoch musste die Wunde gereinigt werden. M meinte, dass das OP-Team super war und ihn akustisch auch gut verstanden hat. Nun liegt in der Wunde ein Schwamm, der mit einer elektrischen Pumpe verbunden ist, die bewirkt, dass das Wundsekret direkt abgesaugt wird. Der Port hatte sich tatsächlich mit einem Keim infiziert. Es waren wohl schwarze Punkte sichtbar. Die Bakterien feierten somit bereits eine Party!

Ich bin sehr erleichtert, dass M wohlauf ist und diese OP gut überstanden hat! Ich wünsche mir morgen einen langweiligen Tag – bitte!

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