Tagebuch – Alltag in der Corona-Zeit – Tag 75

Alltagsschnipsel

Annäherung.
In einem schwachen Moment äußerte ich heute Morgen M gegenüber wieder unbedachte Worte – das Gesagte würde ich natürlich niemals in die Realität umsetzen und sollte lediglich meine Überforderung und Unsicherheit zum Ausdruck bringen. M habe ich damit jedenfalls sehr verletzt. Ich habe mich sofort entschuldigt, ihm versichert, dass ich nie wieder leichtfertig behaupten werde, meine Arbeit zu kündigen. Ich fühle mich jedoch wie ein Parasit, denn ich erhalte monatliches Gehalt für einen Bruchteil an Leistungen. Ich komme beruflich aktuell zu kaum etwas. Das zermürbt mich. M meinte, es geht vielen in dieser Pandemie so und ich stehe nicht alleine da. Er hat mir versichert, dass er mich braucht und ohne mich weder beruflich (wir arbeiten in derselben Firma) noch privat überleben kann. Seine Worte waren gut gewählt und erinnerten mich daran, warum wir gemeinsam kämpfen.

Bürgeramt.
Unser Ende April gekauftes Wohnmobil wurde heute auf M zugelassen. Der ursprüngliche Plan war, dass er diesen Termin beim Bürgeramt selbst wahrnimmt. Allerdings geht es ihm seit Donnerstag nicht gut, so dass ich mit einer Vollmacht die Zulassungsstelle aufsuchte. Die Pandemie hat wirklich alles verändert. Ohne Kontrollen und vorherige Terminvereinbarung über die Website darf niemand das Gebäude betreten. Nach dem Termin ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, denn wir hätten dies schon vor Wochen erledigen müssen – auf Grund von Ms unbeständigem Gesundheitszustand und der Tatsache, dass beim Bürgeramt keine Termine vor dem heutigen Tag zur Verfügung standen, dauerte es viel länger als gedacht.

Arztbesuch.
Seit dem 21. Mai leidet M unter Durchfall. Das Ausmaß bekam ich jedoch erst am Wochenende mit. Da keine Besserung in Aussicht war, suchten wir seine Ärztin in der onkologischen Praxis auf, die sich leider mitten im Tumorboard befand. (Wir hatten vorher nicht angerufen.) Ich habe schon lange nicht mehr bzw. streng genommen sogar nie solch einen Einsatz erlebt. Jeder Mitarbeiter dieser Praxis ist freundlich, empathisch und kennt jeden (!) Patienten beim Namen. Die Schwester versprach uns, schnellstmöglich mit der Ärztin zu sprechen und uns zurückzurufen.Ich befand mich gerade auf dem Weg, um L wieder bei Ms Schwester abzuholen, als der Anruf kam: M soll schleunigst ins Krankenhaus. Ich hielt kurz bei Ms Schwester und L, erklärte die Situation und fuhr ohne L nach Hause, um M beim Packen der Tasche zu helfen.

Helios.
Das Helios ist ein Hochsicherheitstrakt. Alles dreht sich nur um Corona. Die Notaufnahme war gegen 17:30 Uhr menschenleer. Wir schilderten kurz das Problem, füllten Zettel (Corona) aus und setzten uns in den Wartebereich. M wurde schnell aufgerufen. Ich begleitete ihn, wurde aber wieder in den Wartebereich (wegen Corona) geschickt. Über iMessage teilte mir M mit, dass versucht wurde, ihm an fünf Stellen am Körper sowie über den Port Blut abzunehmen – keine Chance, es kam kein Tropfen. Sein Blutdruck war 88 zu 60. M bekam erst mal intravenös Flüssigkeit. Da M aufgrund der vielen Operationen nur eingeschränkt sprechen kann, bin ich zu seinem Sprachrohr geworden. Aus diesem Grund wartete ich getrennt von ihm im Wartebereich auf das Erscheinen des Arztes. Gegen 20:30 Uhr bin ich schweren Herzens und mit schlechtem Gewissen gegangen, denn L kann nicht ewig von ihrer Tante bespaßt werden.M meinte, gegen 21:00 Uhr (er befand sich immer noch in einem der Behandlungszimmer der Notaufnahme) kam ein Arzt, der schlecht deutsch sprach, nicht in Ms Akte schaute und schnell wieder verschwand. Mein schlechtes Gewissen wuchs. M hätte mich wirklich an seiner Seite gebraucht. Ich war zwischenzeitlich bei Ms Schwester angekommen und nahm L in Empfang. Gegen 23:00 Uhr wurde M auf die Station gebracht, nachdem zuvor sein Brustkorb (wegen Corona) geröntgt wurde. Ich hoffe, dass er morgen Gehör findet und aufgepäppelt wird.

Was heute schön war:

Familieneinsatz.
L verbrachte ihren Tag von 13:30 Uhr bis 21:00 Uhr bei ihrer Tante, ihrem Baby-Cousin und der Hündin Maya. Ich bin froh, dass Ms Schwester so super spontan bereit war, L zu bespaßen, während ich mit M in der Arztpraxis und später im Krankenhaus war. Tausend Dank! Das gleiche gilt für unsere Vermieter C und A, die Prinzi zu sich in die Wohnung geholt und ihn mehrere Stunden betreut haben. Ihr seid die Besten!

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